Jugendcamp »Find Your World«
Küng im Camp: Fragen der Teilnehmer
an Hans Küng
Frage 1
Uns ist in diesem Camp sehr klar geworden, dass es viele
Sachen gibt, die uns trennen. Wir haben ja alle unsere eigene Wahrheit, jede
Religion, und es gibt bestimmte Aussagen, die nicht miteinander vereinbar sind.
Genrich als Jude sagt: Jesus war nicht Gottes Sohn, nicht Christus und ich
als Christ sage: Er war es. Wie können wir das auflösen?
Hans Küng
Also zunächst grundsätzlich: Es gibt einfach Dinge in
den einzelnen Religionen, die man nicht auf die anderen zurückführen
kann. Es ist ganz klar, dass ein Jude heute nicht bejahen wird, dass Jesus
Christus Gottes Sohn ist. Umgekehrt kann ein Christ das auch nicht einfach
leugnen. Jede der drei Religionen hat ein Spezifikum, etwas, das die anderen
auszuschließen scheint.
Die Christen sagen: Jesus ist Gottes Sohn. Die Juden akzeptieren das nicht.
Sie sagen: Israel ist Gottes Volk. Das macht auch Schwierigkeiten, bis in den
heutigen Palästinakonflikt hinein spielt das eine Rolle. Gibt es denn
ein Volk, das sagen kann, wir sind Gottes Volk? Sind dann die anderen nicht
Gottes Volk? Das wäre die Frage an die Juden. Der Islam sagt: Der Koran
ist Gottes Buch. Und die anderen fragen: Sind denn die anderen Bücher
nicht Gottes Bücher? Oder fehlerhafte Bücher, wie von manchen Muslimen
gesagt wird, die gefälscht und verändert wurden?
So hat jede Religion etwas, was für sie spezifisch ist – entweder
Gottes Sohn, Gottes Volk oder Gottes Buch. Das kann man nicht ohne weiteres
aufeinander zurückführen. Trotzdem sollte man jetzt anfangen, über
diese Punkte zumindest mal zu diskutieren und zwar positiv.
Frage 2
Aber die Tora und die Bibel gelten für uns Muslime als überholt
durch den Koran.
Hans Küng
Ja, das behaupten die Muslime. Aber auch darüber müsste
man, glaube ich, anfangen zu diskutieren. Das ist nicht leicht, aber, sagen
wir mal, es kann doch für einen Muslim interessant sein zu vergleichen,
was der Koran über Israel oder Jesus sagt, mit dem, was in der Tora oder
der Bibel darüber steht. Dann kann man ja sehen, ob das alles so überholt
ist.
Frage 3
Was bringt mir denn Weltethos jetzt konkret?
Hans Küng
Konkret bringt das Weltethos dies, dass überhaupt mal in einer
Gruppe wie dieser miteinander geredet wird, statt sich schon am ersten Abend
die Köpfe einzuschlagen.
Frage 4
Ehrlich gesagt, waren wir zeitweise kurz davor, konnten es aber verhindern.
Hans Küng
Also ich glaube nicht, dass ihr das nur eben verhindern konntet,
sondern dass hier schon Grundüberzeugungen vorhanden waren, dass man gewisse
Dinge nicht tut. Natürlich hätte jemand ein Messer ziehen können,
aber hier ist ein Muslim ganz froh, wenn der Jude auch ohne Koran ebenfalls
Normen hat, dass man das nicht tut.
Frage 5
Wie will sich das Weltethos eigentlich durchsetzen? Wie die Menschenrechte
mit einem Gerichtshof und entsprechenden Strafen?
Hans Küng
Es wäre ganz falsch, Strafen einzusetzen, denn das Ethos ist
ja etwas anderes als ein Gesetz. Ethos ist zunächst einmal eine Überzeugung
des Herzens und keine gesetzliche Vorschrift. Ethos ist eine Sache des Gewissens,
nichts was man mit der Polizei etc. durchsetzen kann.
Frage 6
Welche Möglichkeiten gibt es dann, ein Weltethos öffentlich durchzusetzen?
Hans Küng
Auch die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen ist
in erster Linie eine moralische Erklärung. Es gibt keine Strafen, wenn
das nicht eingehalten wird von einem Land. Aber wie haben sich die Menschenrechte
durchgesetzt? Indem einige angefangen haben, wie ihr hier, darüber zu
diskutieren. Auch das Weltethos muss wie die Menschenrechte langsam von unten
wachsen. Ein Bewusstsein, dass jeder Mensch neben Rechten auch Pflichten hat,
muss von unten geschaffen werden.
Frage 7
Wenn Sie sagen »von unten«, heißt das dann, dass es auch
ein Ziel der Stiftung Weltethos ist eine Basisbewegung zu schaffen?
Hans Küng
Ja, es soll durchaus eine Bewegung in Gang gesetzt werden, aber
nicht im Sinne einer Organisation, sondern im Sinne eines Bewusstseinswandels.
So etwas geht langsam und hat gewisse Gesetzlichkeiten. Wie hat sich z.B. die
Ansicht durchgesetzt Rauchen sei schädlich? Zunächst hielt alle Welt
rauchen für etwas ganz Normales. Dann behaupteten einige so genannte »Spinner« in
Amerika, rauchen sei gesundheitsschädlich. Irgendwann bestätigten
das Wissenschaftler. Es wurden immer mehr Leute, die gegen das Rauchen waren,
dann auch Abgeordnete, später der amerikanische Präsident usw. Heute
muss sich der Raucher entschuldigen, wenn er raucht. Früher musste man
sich rechtfertigen, wenn man nicht rauchte. Das ist ein interessantes Beispiel
für einen Bewusstseinswandel. Auch die Nichtraucherbewegung hat keinen
Präsidenten, keinen Vorstand, keine Organisation.
Frage 8
Sie haben gesagt: Durch Religion kommt die Vernunft auf. Aber ich finde eher,
dass durch Religion Fanatismus aufkommt. Das sieht man z.B. im Nahostkonflikt.
Hans Küng
Ja, das kann niemand bestreiten, dass Religionen, wenn sie falsch
gelebt werden, zu Fanatismus führen. Sie haben ganz Recht, wenn Sie den
Nahen Osten zitieren. Auf allen drei Seiten gibt es da religiöse Fanatiker,
leider.
Aber zwei Dinge seien angemerkt. Erstens: Es muss natürlich nicht zu Fanatismus
kommen, man kann Religion auch anders leben. Wenn die Nationen im Nahen Osten
gut geführt würden, wäre die überwiegende Mehrheit der
Menschen dort alles andere als fanatisch. Also: Religion kann Fanatismus bedeuten,
Religion kann aber auch Frieden bedeuten, und viele Menschen, die für
den Frieden eintreten, sind religiös motivierte Menschen.
Zweitens, was man zur Ergänzung sagen muss: Auch jede andere Idee, wenn
sie verabsolutiert wird, führt zum Fanatismus. Die Nationalsozialisten
z.B. oder die Kommunisten haben nicht im Namen einer Religion, sondern im Namen
einer Ideologie Millionen Menschen ermordet. Während der Französischen
Revolution wurden Menschen sogar im Namen der Vernunft guillotiniert. Fanatismus
ist also kein letztes Argument gegen Religion.
Frage 9
Hat dieses Jugendcamp eine Bedeutung für die Stiftung Weltethos?
Hans Küng
Das Camp ist für uns sehr wichtig. Gerade unser Gründer, Graf
von der Groeben, ist besonders an dieser Basisarbeit interessiert. Er hat auch
sofort Geld für die Einrichtung einer koscheren Küche zur Verfügung
gestellt. Wir in der Stiftung wollen verschiedene Ebenen ansprechen. Und da
hat die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten durch die Vereinten
Nationen genauso eine Bedeutung wie die Basisarbeit hier mit der Jugend. Denn
die Antwort auf die Frage, wie sich ein gemeinsames Menschheitsethos durchsetzen
wird, kann doch nur lauten: von der Jugend her. Ich glaube, da ist eine Generation
im Kommen, die zwar alle Freiheiten hat, sich an nichts gebunden fühlt
und doch den Wunsch verspürt, einen Weg zu finden.