Jugendcamp »Find Your World«
Phase 2
Regeln des Zusammenlebens
Dilek
(Muslima)
»Abends war ein Treffen aller drei Gruppen geplant, um über die
Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens zu sprechen. Es wurde festgelegt, dass
während der gemeinsamen Phase kein Schweinefleisch gegessen wird und wie
wir die Trennung von Milchigem und Fleischigem handhaben.
Ein wichtiger Aspekt
war auch der Alkohol. Muslime dürfen keinen Alkohol trinken und sich auch
nicht in der Gesellschaft von Alkohol Trinkenden aufhalten. Darum wurde beschlossen,
dass diejenigen, die trinken wollen, es niemals in unserer Gegenwart machen.«
Genrich
(Jude)
»Es ist natürlich aufgefallen, dass wir mit den Muslimen eine gemeinsame
Basis hatten: weil beide Religionen sehr eindeutige Gesetze haben. [...] Ich
habe den Eindruck bekommen, dass man sich auf christlicher Seite weniger traut,
seinen Standpunkt darzulegen. Ich weiß nicht, ob das zurückgeht
auf eigene Unsicherheit oder auf angelernte Zurückhaltung, das ist schwer
zu beurteilen.«
Judith
(Christin)
»Für uns waren die Regeln nachvollziehbar – sie erklären
sich aus den heiligen Schriften der beiden Religionen –, doch kam unter
uns Christen die Frage auf, inwieweit wir als eigene religiöse Gruppe
zwischen den anderen Religionen ›aufgerieben‹ werden bzw. eigene
Lebensgewohnheiten aufgeben müssen. [...]
Ich und ein paar andere waren
der Meinung, dass wir unseren Standpunkt auch vertreten müssen. Aber der überwiegende
Teil hat gesagt, dass wir wegen unserer Geschichte und der Religionskriege
zurückhaltender sein müssten.«
Thorsten
(Christ)
Ȇberrascht wurden wir von der heftigen Vorgehensweise, mit der
uns Muslime und Juden ihre Standpunkte bezüglich einer koscheren Küche
und des Alkoholverbots darlegten.
Diese Begegnung löste bei uns heftige
interne Diskussionen aus: ›Wie sollen wir uns nach außen präsentieren?
Lassen wir uns unterbuttern in unserer Lebensgestaltung (z.B. beim Kochen),
weil wir viel flexibler sind und nicht durch so viele Gesetze gebunden sind
wie die anderen Religionen?‹.«
Igor
(Christ)
»Es war schon so, dass wir Christen am Anfang alle das Gefühl hatten,
die Juden und Muslime kommen hierher und sagen, was sie wollen. Die Juden sagten:
Wir wollen eine koschere Küche, wir halten unseren Schabbat, da gibt es
auch keine Diskussion, denn die Gesetze sind eben so und wenn die nicht eingehalten
werden können, dann müssen wir eben abfahren.
Die Muslime sagten:
Alkohol ist nicht, wenn wir anwesend sind. Das war ganz hart im Standpunkt.
[...] Wir haben in Deutschland und auf christlicher Seite manchmal das Gefühl,
wir müssten immer nett sein zu anderen und keinen verletzen.
Ich habe
aber in der Auseinandersetzung mit Juden
und Muslimen gemerkt, dass es nicht
nur wichtig für
einen selbst ist, sondern dass es die anderen auch
von
einem erwarten, dass man seinen Standpunkt
vertritt.«