Die Evangelische Kirche war in der DDR die einzige nicht gleich geschaltete
Institution mit eigenen Entscheidungsbefugnissen und Sonderrechten (demokratische
Strukturen, eigene Gebäude und Medien etc.). Mit ihrem Bekenntnis zu
individueller und sozialer Freiheit und zum Minderheitenschutz wurde sie
Schutzraum und »Dach« der Opposition.
Viele Oppositionsgruppen
der 1980er Jahre waren zwar zuallererst politisch motiviert, machten sich
aber auch die christlichen Anliegen der Kirche (Frieden, Gerechtigkeit, Umwelt)
zueigen. Mitunter übernahmen auch Kirchenvertreter Führungsrollen
in oppositionellen Gruppen. Vor allem während der Montagsdemonstrationen
setzte sich die Kirche mit ihren Friedensgebeten und anderen Aktionen für
strikte Gewaltlosigkeit ein.
Wegen ihres Engagements in der Oppositionsbewegung übernahmen nach der
Wende viele Kirchenvertreter (je nach Landeskirche 15-42%) auch politische
Funktionen; der im März 1990 gewählten Volkskammer gehörten
19 ordinierte Pfarrer an, im Kabinett von Ministerpräsident Lothar de
Maizière saßen vier Pastoren.
Kirche als Vermittlerin zwischen Regierung, Bevölkerung und Opposition
Die Evangelische Kirche nutzte ihre Kontakte zu Persönlichkeiten aus Kultur, öffentlichem
Leben und Politik zur politischen Vermittlung. So riefen im Oktober 1989 während
der Montagsdemonstrationen in Leipzig ein Pfarrer, ein Kabarettist und ein
Dirigent gemeinsam mit drei Sekretären der SED-Bezirksleitung die Demonstranten
zur Gewaltlosigkeit auf und versprachen im Gegenzug gewaltloses Vorgehen der
Polizei. In der Übergangszeit von November 1989 bis Oktober 1990 organisierte
die Evangelische Kirche »Runde Tische« mit Kirchenvertretern, Regierungsvertretern
und Oppositionellen, wo tagespolitische Entscheidungen getroffen und die politische
Zukunft diskutiert wurde.