Philosophische Wegbereitung eines Weltethos

Hans-Georg Gadamer







Verstehen und Gespräch als Voraussetzung für ein Weltethos:

Hans-Georg Gadamer

 

 
»Es gibt die Möglichkeit, dass wir einsehen, dass wir die große Handlungskraft, die in den großen Weltreligionen steckt, miteinander versöhnen können.«

 

 

Hans-Georg Gadamer:
Verstehen und Gespräch als Voraussetzung für ein Weltethos


»Es gibt die Möglichkeit, dass wir einsehen, dass wir die große Handlungskraft, die in den großen Weltreligionen steckt, miteinander versöhnen können.«
(Hans-Georg Gadamer in: Hans-Martin Schönherr-Mann, Ethik des Verstehens, Radioessay, in: Hans-Martin Schönherr-Mann (Hg.), Hermeneutik als Ethik, München 2004, S. 205)


Wie lernen wir miteinander leben? Wie lässt sich interkulturelle Kommunikation realisieren?


»Wenn es darum geht, wie man kommunikativ zwischenmenschliche Konflikte nicht nur auf der sozialen und politischen, sondern auch auf der kulturellen Ebene zu entschärfen vermag, dann findet man darauf Antworten vor allem in der Philosophie Hans-Georg Gadamers, dessen Leben in einzigartiger Weise das 20. Jahrhundert umspannt: 1900 in Breslau geboren und 2002 in Heidelberg gestorben. In den Zwanzigerjahren diente er Heidegger als Assistent in Marburg. 1939 erhielt er einen Ruf an die Universität Leipzig. Politisch benahm er sich in der Nazi-Zeit weitgehend zurückhaltend. 1947, nach Schwierigkeiten mit den sowjetischen Besatzungsbehörden, wechselte er nach Frankfurt und trat 1949 die Nachfolge von Karl Jaspers in Heidelberg an. Gadamers Grundfrage lautet: Wie lässt sich eine gemeinsame überlegte, verständigungsorientierte kommunikative Praxis befördern in einer Zeit eminenter Bedrohungen und besinnungsloser Hektik?
     Mit seinem Lehrer Martin Heidegger teilt Gadamer die Auffassung, dass die technische Welt das Bewusstsein der Menschen immer stärker unterwandert. Das durch die Medien vermittelte Wissen, die Information, erhellt nicht das Bewusstsein
– wie man meinen könnte. Wenn man sich informiert, dann sammelt man Daten. Das verlangt keine gedankliche Anstrengung. Ja, es verhindert sie eher. Erfolg hat nicht jener, der lange nachdenkt, sondern jener, der sich möglichst viele Informationen verschafft, und dann ohne langes Überlegen eilig handelt.
     Damit entsteht eine neue Handlungsstruktur für den Menschen: Man muss sich möglichst geschickt der Technik und ihren Regeln anpassen, wenn man in dieser Welt bestehen will: Handeln heißt dann nur noch, technische Regeln zu befolgen, nicht mehr, selber darüber nachzudenken. So greift der Pilot heute bei Schwierigkeiten mit dem Fluggerät zum Handbuch. Beispielsweise befolgt er exakt die so genannten Notfallregeln, wenn es im Cockpit brennt. Insofern – das behauptet Gadamer – führt die moderne Entwicklung gerade nicht zu mehr, sondern zu weniger Reflexion, somit zu weniger Vernunft. [...] Anstatt miteinander zu kooperieren, heißt Handeln somit nur noch geschickter Umgang mit Maschinen.
Wie lässt sich gegenüber einer solchen Entwicklung eine überlegte und kommunikative Praxis befördern, die zu verantwortlichem Handeln beiträgt? Das gelingt jedenfalls nicht durch die weitere Technisierung der Welt, nicht durch immer mehr Information, auch nicht durch ideologische Beschwörungen. Stattdessen – so Gadamer – sollte dem Einzelnen überlegtes Handeln erleichtert werden: Dazu muss er sich mit anderen Menschen auseinander setzen, mit ihnen reden, eben das lebendige Gespräch suchen.«(1)

»Die modernen Wissenschaften und Technologien gaukeln den Menschen vor, sie könnten die Welt beherrschen. Dagegen hofft Gadamer auf das Gespräch als eine Art Gegengewicht zur Technisierung der Welt. Denn Sprechen heißt für Gadamer Leben, das sich gerade nicht in technischen Strukturen realisiert. Der Mensch erhebt sich nicht über das Leben und auch nicht über das Sprechen, sodass er beide kontrollieren könnte, sondern lebt in und mit der Sprache.«(2)

»Gadamer schreibt 1982, also mitten in der Debatte um die Raketenrüstung und vor dem Hintergrund eines um sich greifenden Umweltbewusstseins, folgende Sätze, die das Projekt Weltethos antizipieren: „Ob es einer kommenden Weltkultur gelingen wird, die Sittenbegriffe und Sittenordnungen der Menschheit über alle Distanzen und Relativitäten hinweg zu einem gemeinsamen Ethos zusammenzuführen, etwa auf dem Wege über die ökologische Krise oder die Gefahr eines Atomkrieges, die die Zukunft der ganzen Menschheit bedrohen, steht dahin. Aber es leuchtet ein, dass [es] dann erst für praktische Philosophie wieder möglich wird, die Allgemeingültigkeit ihrer Einsichten [...] dem Bewusstsein eines Jeden zu vermitteln. Das erst gäbe der praktischen Philosophie ihre alte Würde zurück, das Gute nicht nur zu erkennen, sondern auch mitzubefördern."(3)«(4)

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(1) Hans-Martin Schönherr-Mann, Miteinander leben lernen, München 2008, S. 219f
(2) Ebd., S. 222
(3) Hans-Georg Gadamer, Wertethik und praktische Philosophie (1982), Gesammelte Werke Bd. 4, Neuere Philosophie II, Tübingen 1987, S. 213
(4) Schönherr-Mann, Miteinander leben lernen, S. 238


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  Literatur
zur Vertiefung


Hans-Georg Gadamer

Was ist Weltethos?

Wozu Weltethos?
• Wozu ethische
  Standards?

• Philosophische

  Wegbereitung
  •• Max Weber
  •• E. Lévinas
  •• Hans Jonas
  •• Karl Jaspers
  •• J. Habermas
  •• John Rawls
  •• H.-G. Gadamer

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