Philosophische Wegbereitung eines Weltethos

Hans Jonas







Verantwortung für die Biosphäre:

Hans Jonas

 

 
»Dass es in alle Zukunft eine solche Welt geben soll – eine Welt geeignet für menschliche Bewohnung – [...], wird bereitwillig bejaht werden als ein allgemeines Axiom.«

Hans Jonas:
Verantwortung für die Biosphäre als weltethische Perspektive


»Dass es in alle Zukunft eine solche Welt geben soll – eine Welt geeignet für menschliche Bewohnung – [...], wird bereitwillig bejaht werden als ein allgemeines Axiom.«
(Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (1979) Frankfurt/Main 1984, S. 33)


»Doch konkret auf den Begriff bringt das Weltethos erst Hans Jonas, indem er die Verantwortung auf die gesamte Biosphäre und die Zukunft der Menschheit ausdehnt: Wir werden nur miteinander leben können, wenn wir in dieses Miteinander auch die zukünftigen Generationen einbeziehen, was zugleich verlangt, dass wir einen weiter bewohnbaren Planeten hinterlassen. Der deutsch-amerikanische Philosoph, 1903 in Mönchengladbach geboren und 1993 in New York gestorben, avanciert zu einem der bedeutendsten Warner vor den weltweiten Gefahren der Umweltzerstörung und der modernen Technologien im letzten Jahrhundert. Mit seinem Buch Das Prinzip Verantwortung unternimmt er 1979 den vielleicht weitestreichenden Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation – so der Untertitel.«(1)

»Weil sich vor allem die Reichweite des menschlichen Handelns dramatisch vergrößert, fordert Hans Jonas eine tief greifende Umorientierung der Ethik, im Grunde eine neue Ethik, die ihren anthropozentrischen Standpunkt aufgibt, den bisher alle Ethik seit den Sophisten einnahm. Wenn die technischen Möglichkeiten eine völlige Zerstörung alles Lebens auf diesem Planeten erlauben, dann gilt es, die Biosphäre zu erhalten, und zwar um ihrer selbst willen; auch um des Menschen willen, aber eben nicht mehr allein aus anthropozentrischen Gründen. Damit erstreckt sich die Verantwortung des Menschen auf die Natur als Ganzes. „Es ist zumindest nicht mehr sinnlos, zu fragen, ob der Zustand der außermenschlichen Natur, die Biosphäre als Ganzes und in ihren Teilen, die jetzt unserer Macht unterworfen ist, eben damit ein menschliches Treugut geworden ist und so etwas wie einen moralischen Anspruch an uns hat – nicht nur um unsretwillen, sondern auch um ihrer selbst willen und aus eigenem Recht."(2) Der Mensch – so Jonas – sollte sich selbst also nicht mehr als einziges Maß seines Handelns verstehen und damit den anthropozentrischen Standpunkt überwinden, den bis Jonas alle Ethik einnimmt.«(3)

»Lehrt uns Jonas, unter pluralistischen Bedingungen miteinander zu kooperieren? Nicht unbedingt durch die diversen Begründungen seines Prinzips Verantwortung, nicht unbedingt durch seine Konzentration auf den Staat und den Staatsmann, in einer Zeit, die angesichts von Individualisierungsprozessen schwerlich ohne die Zivilgesellschaft und somit ohne Verantwortung von allen Menschen auskommt! Überzeugt Jonas den Zweifler an der Verantwortung oder an der Notwendigkeit, miteinander leben zu lernen? Auch nicht unbedingt, wiewohl die gefährlichen Entwicklungen der modernen Technologien und der Umweltzerstörung zunehmende Beachtung finden.

Trotzdem hat Jonas das Umweltbewusstsein geprägt. Doch vor allem in seinem Grundsatz, dass angesichts der ausufernden modernen Zivilisation die Verantwortung nicht nur auf die Zeitgenossen, sondern auch auf zukünftige Generationen und auf die planetarische Natur ausgedehnt werden muss, fundiert er ein globales Ethos und entwirft den Verantwortungsbegriff in seiner vollen Dimension. Dahinter kann man heute schwerlich wieder zurück. Aber Verantwortung lässt sich nach Sartre und Lévinas nicht mehr auf führende Politiker und staatliche Institutionen reduzieren. Sie erfasst heute vielmehr jeden Einzelnen und verdient auch nur dann ein Weltethos genannt zu werden.

Allerdings transformiert Jonas Nietzsches Wort ‚Gott ist tot' in den Satz ‚Gott ist fern', jedenfalls so fern, dass man im Konflikt der Kulturen, die eigene Gottesvorstellung, die eigene Weltvorstellung nicht mehr als verbindliches Ethos Menschen mit anderen Weltbildern aufnötigen kann. Das führt zu keinem Frieden, sondern verschärft die diversen sozialen und globalen Auseinandersetzungen.«(4)

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(1) Hans-Martin Schönherr-Mann, Miteinander leben lernen, München 2008, S. 174f
(2) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (1979), Frankfurt/Main 1984, S. 29
(3) Schönherr-Mann, Miteinander leben lernen, S. 177f
(4) Ebd., S. 193f


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  Literatur
zur Vertiefung


Hans Jonas

Was ist Weltethos?

Wozu Weltethos?
• Wozu ethische
  Standards?

• Philosophische

  Wegbereitung
  •• Max Weber
  •• E. Lévinas
  •• Hans Jonas

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