Philosophische Wegbereitung eines Weltethos

weber






Verantwortung aus der zwischenmenschlichen Situation heraus:

Emmanuel Lévinas  
 
 
»Indem der Andere die Freiheit zur Verantwortung ruft, setzt er sie ein und rechtfertigt sie.«

Emmanuel Lévinas:
Verantwortung aus der zwischenmenschlichen Situation heraus


»Indem der Andere die Freiheit zur Verantwortung ruft, setzt er sie ein und rechtfertigt sie.«
(Emmanuel Lévinas: Totalität und Unendlichkeit, Freiburg 1961, S. 282)


»Emmanuel Lévinas erlitt die Barbarei im 20. Jahrhundert am eigenen Leibe. 1906 in Litauen geboren und 1931 in Frankreich eingebürgert, geriet er 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und dabei in ein spezielles Lager für jüdische Kriegsgefangene. Zwar überlebten er wie seine Frau die Judenverfolgung, doch musste er nach dem Krieg erfahren, dass seine gesamte Familie im Holocaust ermordet worden war. Er beschloss, nie mehr wieder deutschen Boden zu betreten. 1946 wurde er Direktor der École Normale Israélite Orientale, 1962 Professor für Philosophie an der Universität Paris-Nanterre. Philosophisch orientierte sich Lévinas wie Sartre an Edmund Husserl und außerdem am jüdischen Denken. Er starb am 25. Dezember 1995 in Paris.

Wenn das Miteinanderleben durch den Völkermord an den Juden, aber auch schon zuvor durch deren Ausgrenzung und Verfolgung, nachhaltig zerstört wird, dann wirft das umso drängender die Frage auf, wie man das Miteinanderleben lernt, ein Impetus, der durch die späteren Genozide des 20. Jahrhunderts nichts an Aktualität verloren hat und der durch die kulturellen und religiösen Konflikte des beginnenden 21. Jahrhunderts sich noch intensiver aufdrängt. Im Grunde antwortet das Projekt Weltethos auf eine Herausforderung, die sich im 20. Jahrhundert in ungeheurer Härte stellte, nämlich nicht miteinander leben zu wollen und sogar auf die Vernichtung des Fremden abzuzielen – man denke an Auschwitz oder an den Anschlag auf das World Trade Center zu Beginn des 21. Jahrhunderts.«(1)


Wie lernt man angesichts dieser Katastrophen wieder miteinander zu leben?


»Menschlichkeit begreift Lévinas nicht als eine abstrakte Pflicht gegenüber einer gleichfalls abstrakten Gemeinschaft, nicht als Gehorsam gegenüber idealen Prinzipien und Maximen, selbst wenn sich in ihnen Menschliches formuliert. Allzu häufig – genauer in den beiden Grundmodellen der Ethik bei Aristoteles und Kant – suchte man das ethische Wesen des Menschen in allgemeinen Prinzipien bzw. in den damit verbundenen Pflichten gegenüber der Gemeinschaft.

Aber besitzt Menschlichkeit ihren Ort in allgemeinen Erklärungen und Beteuerungen? Diese mögen die Ethik ergänzen. Man wird praktisch kaum auf sie verzichten können. Wo indes konkretisiert sich die Ethik? Für Lévinas nur in der zwischenmenschlichen Beziehung, in der Zuwendung zum anderen Menschen! Die Begegnung stößt das Denken an, stellt die Beziehung zum anderen Menschen her und gründet dadurch die Gemeinschaft und ihre Regeln. Die Ethik entspringt der zwischenmenschlichen Begegnung.
Doch diese Zwischenmenschlichkeit gibt sich nicht mit der bloßen Einhaltung moralischer Prinzipien zufrieden. Stattdessen kommt es darauf an, dem anderen Menschen wirksam zu helfen, also auf Handlungen und deren Folgen. Es reicht eben nicht, beispielsweise Verfolgung abzulehnen. Man muss den Verfolgten unterstützen und den Verfolger aufhalten. Die zwischenmenschliche Beziehung ruft den Menschen auf, für den anderen Menschen Verantwortung zu übernehmen. Insofern entspringt für Lévinas die Verantwortung aus der Begegnung mit dem anderen Menschen.«(2)

»Mit seinem Verantwortungsbegriff nimmt Lévinas jeden Einzelnen in die Pflicht und weist ihm eine weit reichende Bringschuld zu: In einer globalisierten und damit zwangsläufig pluralisierten Welt sind wir spätestens seit Sartre und Lévinas in der Tat für alle anderen Menschen verantwortlich geworden, und zwar jeder Einzelne für sich gegenüber dem Anderen. Just darin aber findet die Idee des Weltethos ihren Nukleus: „Wir müssen doch miteinander leben lernen!" Gadamers Worte umschreiben die Aufgabe, die nicht nur global jeden betrifft, die vielmehr daraus folgernd zur sozialen, internationalen wie interkulturellen Kooperation aufruft und den Einzelnen nicht als Opfer, sondern als Verantwortlichen begreift. Es geht darum, Krieg, Gewalt und Grausamkeit zu vermeiden, um eine Perspektive des Friedens zu eröffnen, ohne Unterwerfung unter eine Supermacht, unter eine autoritäre Weltregierung, die die kulturellen Eigenheiten weiter einebnen würde, die der Prozess der Globalisierung bereits vorantreibt. Niemand entgeht der unendlichen Verantwortung für den Anderen und genau deshalb ist er, um mit Sartre und Lévinas zu sprechen, unendlich frei. Der Weltethos-Diskurs erhält einen wesentlichen Impuls.«(3)

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(1) Hans-Martin Schönherr-Mann, Miteinander leben lernen, München 2008, S. 154
(2) Ebd., S. 155f
(3) Ebd., S. 172f


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  Literatur
zur Vertiefung


Emmanuel Lévinas

Was ist Weltethos?

Wozu Weltethos?
• Wozu ethische
  Standards?

• Philosophische

  Wegbereitung
  •• Max Weber
  •• E. Lévinas

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