Wie kann der Umgang der Menschen miteinander humaner gestaltet werden?

Grenzenlose Kommunikation als Weltphilosophie: Carl Jaspers
»Vernunft fordert grenzenlose Kommunikation, sie ist selbst der totale
Kommunikationswille.« (Ders., Der philosophische Glaube (1948), München
1954, S. 38)
»Jaspers entwickelt seine Philosophie unter dem Eindruck der Krisen
der Zwischenkriegszeit, des Nationalsozialismus und der in den fünfziger
Jahren anwachsenden atomaren Bedrohung im Kalten Krieg. Er zählt mit
Heidegger zu den beiden bedeutenden deutschen Vertretern der Existenzphilosophie,
von deren nihilistischen Varianten vor allem in Frankreich, von Sartre und
Camus, er sich indes strikt distanziert. Ähnlich wie Gabriel Marcel
sucht er nach einer religiösen Rückbindung der Philosophie. Für
Marcel zeichnet vor allem die Glaubenslosigkeit der Zeit dafür verantwortlich,
dass die Menschen ein sinnloses Leben führen, dem ethische Orientierung
zunehmend abgeht, das sie stattdessen für atheistische Ideologien empfänglich
werden lässt. Jaspers schreibt ebenfalls in den vierziger Jahren: „Die
Bedingungen des technischen Zeitalters aber sind förderlich geworden
für einen Ausbruch der nihilistischen Möglichkeiten in der zur
Masse gewordenen Gesamtbevölkerung. [...] Heute geht der Zauber eines
Philosophierens durch die Welt, das im Nihilismus die Wahrheit findet, zu
einem wunderlich heroischen Dasein aufruft ohne Trost und ohne Hoffnung in
Bejahung aller Härte und Erbarmungslosigkeit, in einem vermeintlich
rein diesseitigen Humanismus.“«
»Karl Jaspers, 1883 in Oldenburg geboren und 1969 in Basel gestorben,
sucht nach Wegen aus der nihilistischen Krise des Abendlandes. Jaspers Philosophie
umspannt den Bogen von der Frage nach der individuellen Existenz bis hin
zu einer alles umgreifenden Weltphilosophie. Sein Denken stellt sich dabei
die Grundfrage: Wie kann man den großen ideologischen Konflikten begegnen,
um letztlich die Selbstvernichtung der Menschheit zu verhindern? Also wie
lernt man unter extrem bedrohlichen Umständen miteinander zu leben?«
»Nach Jaspers entsteht aber die Vernunft gerade nicht in der Innerlichkeit
des einzelnen Menschen. Zur Wahrheit gelangt der Mensch nicht durch einen
inneren Monolog, in dem seine Vernunft für sich alleine prüft,
was wahr und was falsch ist. Vernunft verlangt die Aussprache mit anderen
Menschen, braucht Kommunikation. Dazu gehören Wahrheit und Freiheit
gleichermaßen. Denn Kommunikation kann Wahrheit nur überprüfen,
wenn die Beteiligten nach eigenem Gutdünken handeln können. Freiheit
heißt dabei aber nicht die blinde Willkür des Einzelnen, wonach
ihm gerade gelüstet, auch verfolgen oder äußern zu dürfen.
Freiheit beruht vielmehr auf Vernunft und Einsicht, wie sie wiederum nur
in Kommunikation entspringen. „Freiheit verwirklicht sich in Gemeinschaft.
Ich kann nur frei sein in dem Maße wie die Anderen frei sind.“ «
»So antwortet Jaspers mit dem Programm grenzenloser Kommunikation auf
der Grundlage des philosophischen Glaubens nicht nur auf die veränderten,
existentiellen Lebensumstände der Menschen in der modernen Industriegesellschaft.
Er reagiert damit auch auf die politischen Verfallserscheinungen im 20. Jahrhundert,
auf die Gefährdungen in der internationalen Politik angesichts atomarer
Bedrohungen und auf die mühsamen Schritte zur Demokratie in Deutschland
nach der Nazizeit. Der Rückgriff auf den philosophischen Glauben, soll
auch politisch und sozial zur Stabilisierung der Ordnungsstrukturen beitragen.«


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